Analyse der UBA-Studie zur Obsoleszenz

Das Öko-Institut e.V. und die Universität Bonn, Institut für Landtechnik legten am 15.2.2016 nach mehr als zwei Jahren ihre Studie vor. Auftraggeber ist das Umweltbundesamt. Das Umweltbundesamt fasst das Ergebnis der Studie wie folgt zusammen (Hervorhebung in fett durch den Autor Stefan Schridde):

UBA-Präsidentin Maria Krautzberger: „Viele Geräte haben eine zu kurze Lebensdauer. Aus ökologischer Sicht ist das nicht akzeptabel. Die Herstellung der Produkte verbraucht wertvolle Ressourcen; Schadstoffe und Treibhausgase belasten Umwelt und Klima. Wir müssen über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nachdenken – eine Art Mindesthaltbarkeit für Elektro- und Elektronikgeräte. Gleichzeitig werden viele Geräte ersetzt, obwohl sie noch gut funktionieren. Es ist daher genauso wichtig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher Produkte länger nutzen.“

Analyse der vorgelegten Studie

Für dieses mehr als dreihundert Seiten starke Dokument brauchten die Auftragnehmer zu seiner Erstellung deutlich mehr als die beauftragte Zeit. Statt der in der Auftragsvergabe veranschlagten fünfzehn Monate sind es fast drei Jahre geworden. Die Erwartungen an das Ergebnis sind damit groß. Insbesondere erwartet die Öffentlichkeit klare und rasch umsetzbare Lösungsansätze zu der bereits in der gesamten EU diskutierten geplanten Obsoleszenz.

Das Problem der großen Schadfolgen durch die vielfältigen Ausprägungen der geplanten Obsoleszenz und der erkannte Handlungsdruck sind auf europäischer Ebene präsent und durch eine Vielzahl bereits vollzogener Aktivitäten dokumentiert. Vor und während des Untersuchungszeitraums der Studie kam es bereits zu einer breiten Diskussion auf allen Ebenen der Gesellschaft und zu zahlreichen Fachveröffentlichungen. Die EU-Kommission fordert bereits Maßnahmen gegen geplante Obsoleszenz auf nationaler Ebene, Frankreich führt Gesetze gegen geplante Obsoleszenz ein, die Verbraucher-ministerkonferenz der Bundesländer forderten 2013 und 2015 Maßnahmen gegen geplante Obsoleszenz auf der Bundesebene. Eine überzeugende Gemeinschaft von Verbraucherschutzorganisationen, Hochschulen, Forschungsorganisationen, Gewerkschaften, Natur- und Umweltschutzverbänden und weiterer NGOs auf deutscher und europäischer Ebene macht sich stark für eine rasche Umsetzung von zielführenden Programmen und Maßnahmenpaketen für mehr Haltbarkeit und gegen geplante Obsoleszenz.

Man darf also davon ausgehen, dass die nun vorgelegte Studie darauf Bezug nimmt und zu neuen oder weiterführenden Erkenntnissen und rasch umsetzbaren Lösungsvorschlägen kommt. Für die Studie selbst wurde der Auftrag seitens der Auftraggeber thematisch ausgeweitet. Die Auftragnehmer sollten alle Formen von Obsoleszenz thematisieren und an bestimmten Produktgruppen genauer untersuchen, eine Informationsgrundlage schaffen und Strategien gegen Obsoleszenz entwickeln.

Kurzfassung
Arbeit unvollständig, Fakten ignoriert, Neutralität fehlt

Die Studie verschweigt auf den mehr als 300 Seiten mehr als sie schreibt. Sie liefert keine wirklich neuen Erkenntnisse. Die Studie ignoriert stattdessen bereits erfolgte Bestätigungen und Belege der geplanten Obsoleszenz. Aus dem bereits vorliegenden faktenreichen Material der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte in ganz Europa werden nur die der eigenen Argumentation dienenden Inhalte entnommen. Mit rhetorischen Tricks, eigenwilligen Reduzierungen und geneigten Interpretationen versucht man die klare Sicht der Öffentlichkeit zu vernebeln. Bedenkt man, dass diese Studie eine politische Entscheidungsgrundlage sein könnte, wird vor einer solchen Verwendung zur Vorsicht geraten.

Besonders auffällig: Die Studie benennt wissenschaftlich anerkannte Unterkategorien der geplanten Obsoleszenz (werkstoffliche, funktionelle, psychologische und ökonomische Obsoleszenz), nennt dazu viele konkrete Fakten und bestätigt damit geplante Obsoleszenz in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Abweichend von den selbst zitierten Quellen reduziert man jedoch den Oberbegriff der „geplanten Obsoleszenz“ durch eigene Neuinterpretation auf die arglistige Ausprägung, wobei man selbst eine solche Reduzierung unzutreffender Weise der öffentlichen Debatte und medialen Darstellung vorwirft. Die Studie versucht die Hersteller als „unschuldige“ Lieferanten zu entlasten, die lediglich Konsummustern folgen würden. Damit vertauscht sie wissentlich Ursache und Wirkung. Eine Bestellung für kurzlebigere und minderwertige Produkte wird sie kaum vorlegen können. Das sich Arglist selbst nur vor einem strafrechtlichen Gericht seriös beweisen lässt, ignorieren die Studienbetreiber dabei völlig.

Die Studie bezweifelt mit ihren Aussagen indirekt die Berechtigung und Sinnhaftigkeit bereits erfolgten Regierungshandelns in Europa (z.B. EU-Kommission, EWSA, Frankreich, Verbraucherministerkonferenz) und ignoriert die diesen Entscheidungen zugrunde liegenden Prüfungen. Der Auftrag selbst wurde unvollständig bearbeitet und die Auftragszeit erheblich überzogen. Wesentliche Teile wurden daher im Studienverlauf vom Auftraggeber auf andere Studien ausgelagert. Die für eine wissenschaftliche Forschungsarbeit gebotene Neutralität und Ausgewogenheit ist nicht gegeben. Der komplexen Aufgabe ist man nicht Herr geworden.

Lange Bank zum Nachdenken?

Der Vorschlag der „Einführung einer Mindesthaltbarkeitsdauer“ ist einer der kompliziertesten Lösungswege mit dem höchsten Zeitbedarf zu dessen Umsetzung. Dies käme dem Verschieben einer Lösung auf die „lange Bank“ gleich. Die dafür geforderte langwierige Entwicklung von Messnormen und Standards für Bauteile und Geräte ist eine typische Auftragsarbeit von Forschungsinstituten wie dem Öko-Institut, das bereits im Bereich der Öko-Design-Richtlinie und dem Blauen Engel tätig geworden ist.

Zielführender und rascher umsetzbar ist beispielsweise die Einführung einer transparenten Kennzeichnungspflicht für die der Produktentwicklung bereits zugrunde liegende geplante Gebrauchsdauer. Weitere bereits in der Fachliteratur vorgeschlagene leichter umsetzbarere Handlungsansätze lässt die Studie dagegen außer Betracht.

Warum Frau Krautzberger über Mindestanforderungen an Produktlebensdauer und Qualität nur nachdenken will, ist unklar, da man ja eine Studie mit der Entwicklung von Strategien und  Handlungsvorschlägen beauftragt hatte. Damit die kaufende und nutzende Gesellschaft Produkte länger nutzen kann, müssen dafür unverzüglich auf Seiten der Politik, der Hersteller, des Handels und der Reparaturwirtschaft die erforderlichen Maßnahmen nach deren Dringlichkeit so rasch als möglich umgesetzt werden. Der Respekt vor der Natur, die dringend gebotene Ressourcenwende, der Klimawandel, die volkswirtschaftlichen Interessen der werdenden Kreislaufgesellschaft und der nachfolgenden Generationen sind eindrückliche Herausforderungen, die entschlossenes und zielführendes Handeln für mehr Haltbarkeit fordern.

Interaktive Mängelliste online

Eine Studie, die zu ihrer Erstellung mehr als zwei Jahre benötigte, kann nicht in einer Woche umfänglich geprüft und bewertet werden. Das erste Studium zeigt bereits erhebliche Kritikpunkte. Bereits jetzt findet eine kritische Debatte zu dieser Studie in der breiten (Fach)Öffentlichkeit statt. Die aktuelle bereits umfangreiche Mängelliste wird online publiziert und laufend erweitert. [Interaktive Mängelliste online] Wir geben damit der (Fach)Öffentlichkeit eine interaktive Möglichkeit, sich an der kritischen Bearbeitung der Studie über die Kommentarfunktion mit zu beteiligen.

Hersteller als Opfer der Öffentlichkeit?

Das Papier liest sich insgesamt eher wie eine Verteidigung für die Position der Hersteller in Reaktion auf die seitens der Studie kritisierte öffentliche und mediale Debatte. Den Kernaussagen der Studie wird dabei eine umfassende Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zugrunde gelegt, die sich allerdings nicht mit Fragen der Produktentwicklung und den betrieblichen Gründen für reduzierte Haltbarkeit befasst hat, sondern im Auftrag eines führenden Herstellerverbandes das Verhalten von Verbrauchern untersucht hat. Zur Herkunft des umfangreichen Datenmaterials führen die Studienbetreiber aus:

„Die Verbraucherbefragung der GfK im Jahr 2013 erfolgte im Auftrag des Zentralverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI). Die GfK-Daten durften freundlicherweise im Rahmen der vorliegenden Studie verwendet und publiziert werden.“ (auf Seite 88 in Fußnote 21)

Da diese GfK-Daten oder die Erhebung eigener Daten damit nicht vom Forschungsbudget bezahlt werden mussten, entspricht dies der Entgegennahme eines geldwerten Vorteils in Höhe von ca. 25.000 EURO der Auftragnehmer von einem führenden Herstellerverband, dessen Mitgliedsunternehmen zum zentralen Untersuchungsfeld der Studie gehören. Im Rahmen von mit öffentlichen Geldern finanzierten Forschungsaufträgen dürfte dies ein sehr ungewöhnliches Vorgehen sein. Das man dann noch mit dem ZVEI und der GfK im selben Gebäude seinen Sitz hat, gibt dem Gesamteindruck eine eigene Note. Eine rechtliche Prüfung steht noch aus.

Nachtrag

Der ZVEI nutzt die Ergebnisse auch gleich für seine Argumente.

Die ZEIT-Kolumne „Quengelzone“ erkennt in der Studie einen Beweis für geplante Obsoleszenz.